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suna

 

ich hasste fußball. meine eltern hatten in einem schwachen moment wohl die geduld mit der gourmandise verloren, genau da musste unheimlich verführerisch die aussicht auf schnelles geld gelächelt haben, sie pachteten die kantine des örtlichen fußballvereins, zu dem weder sie noch ich davor irgendeine art von bezug gehabt hatten. von da an verbrachte ich ein paar jahre lang, jene zwischen zehn und vierzehn, jene zwischen unterliga und landesliga, jene zwischen 500 und 3000 zuschauern, jeden zweiten samstag am fußballplatz, verteilte die mit wechselgeld versehenen brieftaschen an die bierausträger, stand mit vater und großvater hinter der aus bierbänken bestehenden, gleich beim spielfeldrand aufgebauten schank, schenkte in erster linie bier in plastikbechern aus, rechnete alles im kopf und kassierte schnell, stückte nach, half beim aufsammeln der leeren becher und pappteller, auf denen noch senf und ketchup klebten, schleppte kisten, zählte die leeren bierfässer ab und händigte den bierausträgern ihren verdienst aus.

ich hasste den geruch von bier, der an meinen händen und an meiner kleidung haftete. ich hasste die in der erinnerung ständig grölende, in mimik und gestik lethargische masse an beinahe ausnahmslos männlichen zuschauern. ich hasste die roten augen und die roten nasen und das großporige und das grobschlächtige der zuschauergesichter, ich hasste ihre bäuche und ihre blondierten frauen, die sie mit dem autoschlüssel in der hand nach dem spiel von der theke wegzerren mussten. ich hasste das sich selbst unter weiten t-shirts immer deutlicher abzeichnende einsetzen der pubertät und die darauf abzielenden kommentare hasste ich am allermeisten. ich hasste das abschätzige der kinder, die in die hauptschule gingen, gegenüber mir, die sie beim zigarettenklauen erwischte, gegenüber mir als gymnasiastin (in diesem verein spielte damals niemand mit matura), gegenüber mir als unternehmerstochter, gegenüber meinen wirte-eltern, die ihrer und der meinung ihrer eltern nach im geld schwimmen mussten; wir würden bestimmt gar nicht mehr wissen, wohin mit all dem geld, das wir den gästen aus den taschen ziehen und den mitarbeitern vorenthalten würden, wurde ich gefragt und verstand nichts.

ich hasste es, etwas gefragt zu werden, auf etwas antworten zu müssen, das über die transaktion - bestellung, übergabe des bestellten, entgegennahme des geldes, rückgabe des restgeldes - hinausging. ich wollte nicht reden, ich wollte nicht mit diesen menschen reden, ich redete ohnehin nur mit sehr sehr wenigen menschen mehr, als es die höflichkeit und die öffentlichkeit eines restaurants gebot. ich hasste den fußballplatz. ich hasste das kumpelhafte der spieler, das wichtigtuerische der lokalhelden, das höhnische lachen, wenn ein weiterer trainer versagte, das unterwürfige von zeugwart und zeugwartsfrau, die die dressen wusch, das mir vollkommen fremde zusammengehörigkeitsding, das vereinsgehabe, die wimpel. ich versuchte, dem ganzen etwas positives abzugewinnen, indem ich mich in den u21-torwart verschoss, der ganze fünf jahre älter und somit nur in form seines spottes für mich zu erreichen war.

ich hasste fußball. eine verbindung zwischen intelligenz und diesem sport hat sich mir als kind nicht aufgedrängt. ich hasste die glasigen blicke, von denen ich mir einbildete, ich könnte sie auf der haut spüren, ich hasste das heisere röcheln der menschen, die nach spielende kein zuhause mehr hatten; viel eher als abscheu empfand ich angst vor der wuchtigkeit dieser menschen, dieser mir so selbstsicher erscheinenden, kompakten masse. alle menschen seien gleichwertig, ermahnten die eltern meinen distanz einfordernden blick. und jeder, der zahlt, sei ein gast, und allen gästen würde die gleiche aufmerksamkeit zuteil und höflichkeit gehöre zum geschäft. doch bei einem, der pöbelte, hat meine mutter einmal ihre judo-fertigkeiten ausgepackt. manchmal tröstete ich mich damit, abends nach dem spiel das geld zu zählen, zuhause, in einem anderen teil der kleinstadt, den umsatz zu ermitteln, mein leiden messbar zu machen, und genau zu wissen, dass das gar nicht so viel war, das uns da von den scheinen und münzen blieb, an denen immer noch bier klebte, dessen abgestandener geruch mir übelkeit verursachte (die familie sagt, meine erinnerung male mit dunklen, deftigen farben).


die ampeln sind ausgefallen, mitten in der kreuzung steht ein kleinwüchsiger polizist und regelt den verkehr, ich bin die einzige auf meiner straßenseite und bleibe wie angeordnet stehen. auf den anderen ecken der kreuzung sammeln sich viele, meist studenten, eine vorlesung wird gerade zu ende gegangen sein. der polizist steckt in einer neongelben sicherheitsjacke, sein gesicht ist rund und rosig, sein kinn schiebt sich nach vorne und teilt sich in zwei backen, zwischen seinen lippen leuchtet eine trillerpfeife orangen. er deutet mir, zu gehen. als ich gerade zu einem zweiten schritt ansetze, zeigt er mir die handinnenfläche und scheucht mich wieder zurück. gleich darauf gibt mir seine hand erneut den wink, loszugehen, an ihm vorbei die kreuzung zu passieren, und wieder stoppt er mich plötzlich und schickt mich mit der handfläche und zwei blitzenden augen zwei schritte zurück. der verkehr steht still. die studenten auf der gegenüber liegenden straßenseite kichern und ich muss aus verwunderung lächeln. mit einer kleinen verbeugung gesteht er mir schließlich das überqueren der straße zu.


sein haar langsam schütter, sein dialekt auf dem rückzug, sein tollpatschiger gang nach wie vor tollpatschig. seine art zu reden vertraut, seine art beim lächeln nicht die zähne zu zeigen vertraut, seine art den kopf so schnell zu drehen, dass das schüttere haar dabei nachschwingt, vertraut, seine art, augen und mund so zusammenzukneifen, dass sich um augen, nase und mund die falten auffächern, wenn er von etwas erzählt, dass ihm schwer fällt, mit dem er so seine probleme hat, vertraut. nach vier jahren ohne kontakt. seine beziehung sei mit einem zettel am küchentisch beendet worden, sein freundeskreis habe sich ausgetauscht, einer nach dem anderen sei langsam durch menschen ersetzt worden, von denen ich noch nie gehört habe. der übergang von studium zum berufsleben sei nicht reibungslos verlaufen, der sog der neuen welt, seine neue stelle gefalle ihm gut, die ernsthaftigkeit und sich nicht mehr für die ernsthaftigkeit zu entschuldigen, neu. was mir denn eingefallen sei und ob das plötzlich gekommen sei über nacht oder ob sich das über längere zeit entwickelt habe vom traum zum wunsch zur möglichen alternative. und warum wien?

dass meine haare wieder lang seien und das gesicht blass wie zu lernzeiten. dass er immer noch im zehnten wohne, zwei stockwerke unter jenem, in dem wir gemeinsam gewohnt haben. zu den gemeinsamen bekannten erzählen wir einander ergänzend. dass der p jetzt nur noch online-poker spiele und er seine nummer nicht mehr habe, dass er ihm irgendwann wieder über den weg laufen werde und dass sie einander dann trotzdem nicht fremd sein werden und gleich in ihre vertraute sprache einsteigen werden und einander erzählen werden, erzählen müssten (meint er mich?). was erzählt man einander nach vier jahren ohne kontakt? was einem so einfällt. bei der hochzeit eines kollegen habe er das mikrofon des sängers der band ergriffen und ein paar tiroler weisen zum besten gegeben, vertraut. seine eltern halten tauchen für gefährlicher als paragleiten, wundert mich nicht. seine großmutter sei verstorben. wie es meinen schwestern gehe und wie geht es seinem bruder. ob ich auch die nachrichten nicht anschauen könne und ob ich auch nur noch schlafen habe wollen nach einem vierzehn-stunden-tag. wir hatten unsere freundschaft verloren, sie war uns zwischen zwei welten entglitten, den aufwand, sie zu erhalten, hatten wir nicht aufgebracht. wir reden nicht darüber. blicken ein bisschen nach vorne, viel ins jetzt und - ein klein wenig nur - zurück.


ich ertrage es nicht, all diese namen zu wissen und ertrage es noch viel weniger, dieses bild bekommen zu haben. ich glaube nicht, dass ich weniger betroffen wäre, würde das, was ohnehin nicht vorstellbar ist, sich nicht in diesem bild sammeln können, nicht mit diesen namen in verbindung gebracht werden. unangebracht ist das nennen dieser namen aus vielerlei gründen, ein wenig ist es für mich neben alldem auch so, als traute ich diesen namen nicht zu, tragen zu können, was ihren trägern zugestoßen ist, als wären sie nur für eine grippe, eine angina, die masern gemacht.


weul muag'n, ja muag'n....

 

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