und ich? ich hatte tage, von denen in der erinnerung kaum etwas bleiben wird außer den paar seiten, die ich in handkes mein jahr in der niemandsbucht gelesen habe, im bus, im flugzeug, nach den langen stunden des arbeitens und an-mir-arbeitens, losgelöst von den tagen. handke genießt einen vertrauensvorschuss bei mir, trotz der serbiensache nehme ich jedesmal ein wohlwollenskissen mit, wenn ich seine bücher aufschlage, im bett meist, auf der couch, in der dampfenden wanne. eine leise, nie einnehmende verbundenheit, die gewiss zum teil aus der gemeinsamen heimat her rührt, die landschaften und gesichter, die häufig bei ihm vorkommen, sind mir seltsam vertraut in ihrer betrachtung aus der ferne, die wahl und der klang der worte ebenso, wenn er jauntal schreibt, weiß ich um den nicht jammernden, aber dunklen, erdnahen klang des worts, wenn er äpfelbrocken schreibt, weiß ich um das weiche, das der dialekt diesem ck verleiht. immer bedeutet handke sehnsucht für mich und das aufgespanntsein zwischen dem vertrauten und dem fremden, er nennt die orte, in denen ich beides bin - noch sind slowenien und das friaul zu entdeckende welten für mich, in denen ich früher nicht mehr als ein tagesgast war, zum essen, zum luftholen und wandern im karst, ihr einfluss in so vielem spürbar, ihre greifbare nähe hat mich ihr erkunden auf später verschieben lassen, vielleicht ist jetzt bald später und ich gehe diese wege nach. in ähnlicher weise hingezogen bin ich immer auch zu den werken winklers, nicht jedoch zu jonke oder turrini, hier versagt die heimatklammer, hier finde ich den zutritt nicht oder drehe mich gar schnell wieder nach dem ausgang um.
von mein jahr in der niemandsbucht hab ich gesagt, es sei gerade mein einziger trost im alleinesein, dieses buch zu lesen wirkte tröstend auf mich und tragend, weil es um das sein geht, um das gehen und ankommen und bleiben, um das suchen und das gesuchtwerden und das finden und verlieren und wiederfinden, weil es um das schreiben geht und das sich etwas wegschreiben und das sich etwas erschreiben, weil es um das befangensein geht und das verfangensein und das gefangensein. und vor allem, weil sich all das lesen lässt, weil dieses buch mir als lesenden raum lässt, weil es nichts will, zumindest vorsätzlich nicht, weil es mich lesende nicht mit seinem willen erdrückt, sondern mir mit seiner sprache einen schlüssel gibt zu einer sichtweise und einem erleben, mir ein schauen und erfahren anbietet, mich jedoch nie zwingt, ihm zu folgen. es gibt so wenige dieser bücher, dieser großen, stillen bücher, die sich tatsächlich lesen lassen, die ihre geschichten und gedanken auf den leser loslassen, sie loslassen. ich bin ein raubender leser, denke ich, ich nehm mir die figuren und mach sie zu meinen figuren, ich nehme mir der figuren gedanken und gleiche sie mit meinen gedanken ab, ich nehme mir ihre orte und mache sie zu meinen orten, ergänze sie, suche nach ihnen oder nach ähnlichem in der erinnerung wie in der vorstellung. ich entdecke diesen freiraum für mich bei handke, zum nachhängen in gedanken, zum fragen und nachfragen, gerade in diesem buch.
ich bin ein dankbarer, empathischer leser, ich suche nicht nach fehlern, mir fallen konstruktionen erst beim zweiten mal lesen auf, wenn überhaupt, oder wenn sie so hahnebüchen sind, dass mein vordenken und nachdenken beim lesen an ernüchternde wände stößt und ich den kopf schütteln muss. ich lass mich mit dem größten vergnügen in die irre leiten, doch will ich belohnt werden dafür. ich mag bücher nicht, deren autoren mir lesenden nichts zutrauen, ich mag autoren nicht, die nichts der interpretation überlassen können, die ihren figuren kein eigenleben zugestehen, kein weiterleben, das über das ihnen im schreiben zugestandene hinausgeht, ich mag dieses kalkulierte nicht, das bis ins kleinste detail vorgeschriebene, das drehbuchhafte, den verschriftlichten film. ich mag von sanfter hand geführt werden oder von einem niederprasseln beinahe erdrückt, ich mag es, wenn man mich der ausflüchte und der erwarteten fluchtwege beraubt, ich möchte ernüchtert, überrascht und verschreckt werden in den büchern, ich möchte angesteckt und erfüllt werden, gerührt und alleingelassen, ich möchte auf distanz gehalten ebenso wie überrumpelt werden, doch ich möchte einen grund haben, mir den raum zu erkämpfen, der mich weiterdenken lässt und weiterfühlen, über das unmittelbare hinaus. mein jahr in der niemandsbucht, was für ein trost aus-der-welt in-der-welt.
suna - am 26. Nov, 09:22 sprachschoenheit
Talakallea Thymon kommentierte am 26. Nov, 12:02:
Ich habe dieses wundervolle Buch vor einigen Wochen gelesen, ach was, gelesen, berochen, befühlt, ertastet, abgeleuchtet, befingert habe ich diese leuchtende Prosa. Sie haben vollkommen recht, dieses Buch ist ein Trost. Ein Trost für alle feinen Ohren in einer Welt voller Sprachmüll und Lärm.
books and more kommentierte am 26. Nov, 15:09:
Viele Ihrer Texte, so dachte ich neulich einmal, erinnern eben an Handke. Gar nicht im Sinne eines Kopierten, sondern im Sinn einer ähnlichen Schönheit, Stille, Langsamkeit, Dinge-Genauigkeit, einer Hilfe zum Zu-sich-kommen.
suna meinte dazu am 26. Nov, 17:36:
sie machen mich sehr verlegen und ich kann's nicht ganz nach vollziehen, wie sie die parallele ziehen. zu mir kommen, das wer jedoch schon mal was. in einem interview zu diesem buch sagte handke uebrigens Nur indem ich bei mir bleibe, kann ich von der Welt erzählen.
parallalie kommentierte am 26. Nov, 21:53:
gleich zwei niemandsbuchten heute... meine lektüre liegt schon lange zurück, aber ich erinnere mich gern daran und lasse mich gern daran erinnern.
suna meinte dazu am 26. Nov, 22:32:
ich war schneller!
Benjamin B. kommentierte am 26. Nov, 22:57:
wieso sollte man schon ein buch analysieren wollen? ein buch ist einzig dann gut, wenn es mich in den bann zieht, mich fesselt, egal, wo ich bin. andere bücher lese ich grundsätzlich nicht.